Aktuelles zur Zahnbehandlung beim Meerschweinchen

Probleme mit den Zähnen gehören zu den häufigsten Erkrankungen der Meerschweinchen. Ein großer Teil der Tiere leidet an angeborenen oder erworbenen Zahn- bzw. Kieferanomalien. Am häufigsten ist die Brückenbildung im Bereich der Backenzähne. Dabei wachsen die Zähne der linken und rechten Kieferseite aufeinander zu, die Zunge wird in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt und der Nahrungstransport sowie das Abschlucken behindert oder unmöglich gemacht. Durch Zahnspitzen bedingte Verletzungen und Entzündungen der Mundschleimhaut werden zusätzlich durch Bakterien oder Viren kompliziert. Leider werden Fehlstellungen insbesondere im Bereich der Backenzähne erst beim Auftreten von Komplikationen bemerkt, was eine erfolgreiche Behandlung enorm erschwert.

 

Beginnende Brückenbildung der Backenzähne im Unterkiefer. Endoskopische Aufnahme von Zunge (Mitte), Kehlkopf (Oben) und Backenzähnen im Unterkiefer.

 

Die Untersuchung auf Erkrankungen im Bereich der Mundhöhle gehört zur Routine- Diagnostik bei allen in der Tierarztpraxis vorgestellten Nagetieren. Während Veränderungen der Schneidezähne leicht erkennbar sind, wird zur Diagnose von Problemen im Bereich der Backenzähne spezielles Werkzeug benötigt. Einen groben Überblick über den Zustand der Zähne kann man sich mit einem Otoskop machen, das ist ein kleiner Trichter auf einer Lichtquelle, der sonst zur Untersuchung des Ohres benutzt wird. Falls die diagnostischen Möglichkeiten vorhanden sind, eignet sich ein Endoskop hervorragend zur Untersuchung.

Sind bei dieser Untersuchung trotz erkennbarer äußerer Anzeichen wie Speicheln, veränderte Kaubewegungen oder Schrägstellung der Reibefläche der Nagezähne keine Veränderungen zu erkennen, muss eine gründliche Untersuchung angeschlossen werden. Diese sollte ausschließlich in Narkose stattfinden. Am besten geeignet ist eine kurze Isofluran- Narkose, deren Aufwachphase von ca. 1 - 2 Minuten für die Untersuchung in den meisten Fällen ausreicht.

 

Verletzung und Entzündung der Mundschleimhaut hinter dem letzten unteren Backenzahn. Aufnahme mit Endoskop.

 

Die Deutsche Gesellschaft für Tierzahnheilkunde (DGT) hat dazu eine Empfehlung erarbeitet:

"Eine profunde Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen der Mundhöhle und der Zähne bei Kaninchen und Nagern ist ohne eine geeignete Anästhesie nicht möglich. Zum einen werden ohne Anästhesie behandlungsbedürftige Prozesse nicht erkannt, zum anderen ist eine kunstgerechte Behandlung ohne Anästhesie nicht möglich.

Allein schon die Fixation und die Anwendung eines Maulspreizers zur Untersuchung am unsedierten Tier bedeuten eine erhebliche Belastung, die infolge von Abwehrreaktionen zu Verletzungen führen kann. Die bei manchen Tieren zu beobachtende Regungslosigkeit sollte nicht als Duldung verstanden werden, sondern vielmehr als Angststarre. Geht einer Narkose die Untersuchung am wachen Tier voraus, ist aufgrund einer verstärkten Katecholamin- Ausschüttung des gestressten Patienten von einem erhöhten Narkoserisiko auszugehen. Daher sollte eine gründliche Untersuchung erst in Narkose erfolgen.

Der Tierhalter sollte über die Notwendigkeit einer Narkose für die Behandlung seines Tieres aufgeklärt werden, damit auch die damit verbundenen höheren Kosten für die Behandlung verstanden und akzeptiert werden.

Die Zahndiagnostik und -behandlung bei Kaninchen und Nagern soll daher aus folgenden Gründen in Narkose erfolgen:

  1. Die Vermeidung von Stressreaktionen durch frühzeitigen Einsatz sedierender bzw. anästhetischer Maßnahmen senkt das Narkoserisiko in erheblichem Maße. Ohne sedierende bzw. anästhetische Maßnahmen entsteht bereits bei der Untersuchung der Mundhöhle eine massive Kreislaufbelastung, die zum Tod des Tieres führen kann. Das Narkoserisiko steigt, wenn der Patient pränarkotisch gestresst wird und infolgedessen höhere Dosierungen der Narkotika zur Erreichung derselben Narkosetiefe angewendet werden müssen.
  2. Eine Narkose vermeidet das Risiko abwehrbedingter Verletzungen. Dagegen kann es am wachen bzw. unvollständig narkotisierten Tier aufgrund plötzlicher starker Abwehrbewegungen oder unvorhersehbarer Exzitationen zu massiver Selbstverletzung kommen, wie z. B. in Form von Wirbel- oder Kieferfrakturen.
  3. Eine komplette Diagnostik der Zähne und der Maulhöhle ist bei Kleinsäugern nur unter Verwendung von Maul- und Wangenspreizern möglich.
  4. Eine umfassende Zahnbehandlung mit rotierenden oder scharfen Instrumenten ist aus Sicherheitsgründen wie auch aus Gründen der Sorgfaltspflicht nur unter Sedierung bzw. Narkose durchführbar.
  5. Eine Narkose verringert die Behandlungsdauer und gestattet ein gefahrenärmeres intraorales Arbeiten aufgrund unterbleibender Abwehrreaktionen.
  6. In Narkose wird eine bessere Positionierung des Patienten für aussagekräftige Röntgenaufnahmen des Schädels und der Zähne erzielt. Nicht zuletzt wird der Strahlenschutz für den Untersuchenden verbessert, da auf riskante Fixationsverfahren am unsedierten Kleinstpatienten verzichtet werden kann."

Dr. Markus Eickhoff, 1. Vorsitzender
Dr. Gerhard Staudacher, 2. Vorsitzender

 

Wird eine Zahnsanierung bei gutem Allgemeinbefinden und Ernährungszustand des Patienten durchgeführt, so ist die Prognose im allgemeinen gut. Auch die Art der Zahn- bzw. Kieferveränderungen spielt ein Rolle. Im Gegensatz zu manchen erworbenen Befunden (vereiterte oder gesplitterte Zähne) können angeborene Fehlstellungen durch korrigierende Maßnahmen an den Zähnen allein nicht beseitigt werden. Bei Veränderungen im Bereich der Schneidezähne ist durchschnittlich alle 6 Wochen eine Behandlung erforderlich, im Backenzahn- Bereich treten Rezidive nach durchschnittlich 6 Monaten auf.

 

Zur Zahnbehandlung der Meerschweinchen ist ein Zahnbehandlungsstand besonders gut geeignet. Damit können die narkotisierten Tiere fixiert und die Öffnung des Mäulchens fein justiert werden, um einen guten Überblick über das Arbeitsfeld zu haben.

 

Zahnbehandlungsstand - die Schneidezähne werden an den Querstreben eingehakt, so lässt sich das Mäulchen gut öffnen.

 

Kleinere Zahnspitzen können zwar mit speziellen Zangen und Feilen entfernt werden, wenn man aber bedenkt, dass diese Spitzen nur das Symptom einer anderen Erkrankung sind, dann macht es natürlich keinen Sinn, lediglich diese Symptome zu entfernen.

 

Ein kleines Sortiment an Zahninstrumenten. Oben Wangenspreizer und "Maul"öffner, in der Mitte Zahnzangen und Pinzetten, unten Raspeln und Feilen

 

Es geht auch meistens nicht darum die vorderen, überlangen und vielleicht ungleich abgenutzten Schneidezähne oder eine gut sichtbare Zahnbrücke zu kürzen, sondern es muss mit der Zahnsanierung möglichst wieder eine "Normocclusion", d.h. physiologische Zahn- und Kieferstellung hergestellt werden. Beim Meerschweinchen ist insbesondere der letzte obere Backenzahn ein Problem. Wenn er zu lange ist, kann das Tier den Mund nicht korrekt schließen. Eine wirksame Backenzahnbehandlung ist aber nicht mit Zangen und Raspeln, sondern nur unter Verwendung rotierender Instrumente möglich.

 

Mikromotor mit Diamantwalze und Weichteilschutzkappe. Spezialkonstruktion zur schonenden Abtragung von Zahnspitzen, vor allem im Backenzahnbereich.

 

Auch das Kürzen der Schneidezähne mit Spezialzangen kann schlimme Verletzungen oder Zahnfrakturen zur Folge haben. Viel sicherer funktioniert das mit Trennscheiben, deren Einsatz ohne Narkose auch undenkbar ist.

 

Diamantierte Trennscheiben zum korrekten Kürzen von Schneidezähnen

 

Bei der Nachbehandlung muss berücksichtigt werden, dass viele Patienten nach der Zahnsanierung nicht sofort selbständig Futter aufnehmen. Es können versuchsweise Schmerzmittel verabreicht, bei anhaltender Futterverweigerung müssen die Tiere jedoch zur Vermeidung einer Hungerketose oft über einen längeren Zeitraum art-spezifisch zwangsernährt werden. Bei allen Tieren, die nicht spätestens zwei Tage nach einer Zahnkorrektur wieder fressen können, muss man deshalb immer auch an eine nicht ausreichende Korrektur denken!

 

Spektakuläre diagnostische Möglichkeiten bietet die Computertechnik. Aus Serien von Aufnahmen im Computer- Tomografen wird von der Software ein dreidimensionales Modell erstellt, welches nahezu jedes Detail des untersuchten Körperteils offenbart. Leider scheidet diese Methode wegen der hohen Kosten als Standard- Diagnostik aus.

 

3D- Modell eines Meerschweinchens im Computertomografen. Deutlich sichtbar der Defekt im rechten Oberkiefer, der auf eine vereiterte Zahnwurzel zurückzuführen war (CT und 3D- Modell: Tierklinik Aarau-West, CH 5036 Oberentfelden).

Fenster schließen