Zahnanatomie und Zahnwachstum

Die Meerschweinchen besitzen 20 Zähne, die auch im Bereich der Alveole von einer Schmelzschicht bedeckt und wurzellos sind und die zeitlebens weiter wachsen. Insgesamt finden sich 4 Schneide- und 16 Backenzähne(4 Prämolare und 12 Molare, Gebißformel: 1013/1013).

Kaubewegung
Funktion der Backenzähne

Die Schneidezähne sind zum Abbeißen und Nagen konstruiert, die Backenzähne zermahlen das aufgenommene Futter durch eine Vorwärts- Rückwärts- Bewegung (das Kiefergelenk ist ein Schubladen- oder Schlittengelenk). Dabei schleifen sich gleichzeitig die Zähne aneinander ab.

Die Schneidezähne sind nur vorne und seitlich mit Zahnschmelz überzogen. Sie sind an der Spitze abgeschrägt, weil durch das Nagen das Dentin an der Hinterseite schneller abgenutzt wird, als der härtere Zahnschmelz vorne. Die oberen Schneidezähne sind im Querschnitt dreieckig mit nach vorne zeigender Basis, die unteren sind halbrund mit der Rundung nach der Außenseite. Die unteren Incisivi sind etwa um die Hälfte länger als die oberen. Die Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers haben bei den Nagern in Ruhestellung keinen Kontakt (Okklusion) zueinander!!

Kaubewegung

Die Wachstumsgeschwindigkeit der Schneidezähne beträgt ca. 2 mm pro Woche, wobei die unteren Schneidezähne etwas schneller wachsen als die oberen. Sie ist jedoch auch vom Alter der Tiere abhängig, je jünger die Tiere, desto schneller wachsen die Zähne.

Bild rechts: bie Zähne von vorne betrachtet. Gut zu sehen, wie die Backenzähne im Oberkiefer nach außen und im Unterkiefer nach innen abgeschrägt sind.

Die zu zwei Dritteln fest in den Alveolen verankerten, schmelzfaltigen Backenzähne haben feilenartige Reibeflächen und sind somit für die Mahlfunktion ideal ausgebildet. Beim Meerschweinchen sind obere und untere Backenzahnreihen leicht geneigt, die Kauflächen stehen etwa 40-45 Grad schräg, und zwar im Oberkiefer nach außen und im Unterkiefer nach innen. Die Zahnneigung nimmt vom ersten zum letzten Zahn hin ab.

Das Milchgebiß ist ohne praktische Bedeutung. So brechen beim Meerschweinchen die Milchbacken- zähne bereits zwischen dem 43. und 48. Tag der Trächtigkeit durch das Zahnfleisch durch, in jeder Kieferhälfte je ein Zahn. Bis zum 55. Tag der Trächtigkeit sind sie bereits wieder vollständig intrauterin resorbiert. Die Tiere werden also bereits mit bleibenden Zähnen geboren - nur der 3. Molar (M3) hat bei der Geburt das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen - und können bereits sofort nach der Geburt feste Nahrung aufnehmen.

Das Kiefergelenk ist schlittenförmig mit einer rinnenartigen Gelenkgrube ausgebildet. Neben Öffnungs- und Schließbewegungen ermöglicht dies vornehmlich Unterkieferverschiebungen nach vorne und rückwärts.

Das Kiefergelenk beim Meerschweinchen: die Gelenkgrube im Oberkiefer (Pfeil).

Das Kiefergelenk beim Meerschweinchen: der Gelenkkopf im Unterkiefer (Pfeil). Gut sind auch die Schmelzfalten der Backenzähne zu erkennen.

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Zahnprobleme

Probleme mit den Zähnen gehören zu den häufigsten Erkrankungen der Meerschweinchen. Symptome dafür sind zunächst unnormale Kaubewegungen, Speicheln, Nahrungsverweigerung bei offen- sichtlichem Hunger, Mundgeruch und Gewichtsverlust. Häufig erkennt man an Aussehen, Stellung und Form der gut sichtbaren Schneidezähne bereits, ob Probleme im Bereich der nicht ohne Hilfsmittel einsehbaren Backenzähne vorliegen.

 

Stumpfe Zähne, deren "Beißflächen" exakt aufeinander treffen. Daraus werden sich ohne Behandlung Zahnspitzen der Backenzähne entwickeln.

 

So sieht es aus, wenn die Backenzähne einseitig zu lange gewachsen sind. Eine sofortige Behandlung ist anzuraten.

 

Fehlstellungen der Schneidezähne oder des Kiefers bewirken diesen "Überbiß". Sofort behandeln lassen!

 

Einzelner abgebrochener Schneidezahn. Keine Behandlung nötig.

 

Einzelner abgebrochener Schneidezahn. Keine Behandlung nötig.

 

Beide oberen Schneidezähne sind abgebrochen. Die unteren Schneidezähne sollten auf die gleiche Länge gekürzt werden.

 

Beide unteren Schneidezähne sind abgebrochen. Die oberen Schneidezähne sollten auf die gleiche Länge gekürzt werden.

 

So würde das weit geöffnete Mäulchen eines Schweinchens mit korrekt stehenden Zähnen aussehen (links). Bei dem Tier rechts sind deutlich Haken an den oberen Backenzähnen zu erkennen.

 

Brückenbildung an den Prämolaren (links) und an allen Backenzähnen (rechts).

 

Quellenangabe:

Stanley-Spatcher, V.; Corrective Dentistry for Rodents, Cambridge Cavy Trust coursework paper.

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Zahnbehandlung

Probleme mit den Zähnen gehören zu den häufigsten Erkrankungen der Meerschweinchen. Ein großer Teil der Tiere leidet an angeborenen oder erworbenen Zahn- bzw. Kieferanomalien. Am häufigsten ist die Brückenbildung im Bereich der Backenzähne. Dabei wachsen die Zähne der linken und rechten Kieferseite aufeinander zu, die Zunge wird in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt und der Nahrungstransport sowie das Abschlucken behindert oder unmöglich gemacht. Durch Zahnspitzen bedingte Verletzungen und Entzündungen der Mundschleimhaut werden zusätzlich durch Bakterien oder Viren kompliziert. Leider werden Fehlstellungen insbesondere im Bereich der Backenzähne erst beim Auftreten von Komplikationen bemerkt, was eine erfolgreiche Behandlung enorm erschwert.

Beginnende Brückenbildung der Backenzähne im Unterkiefer. Endoskopische Aufnahme von Zunge (Mitte), Kehlkopf (Oben) und Backenzähnen im Unterkiefer.

Die Untersuchung auf Erkrankungen im Bereich der Mundhöhle gehört zur Routine- Diagnostik bei allen in der Tierarztpraxis vorgestellten Nagetieren. Während Veränderungen der Schneidezähne leicht erkennbar sind, wird zur Diagnose von Problemen im Bereich der Backenzähne spezielles Werkzeug benötigt. Einen groben Überblick über den Zustand der Zähne kann man sich mit einem Otoskop machen, das ist ein kleiner Trichter auf einer Lichtquelle, der sonst zur Untersuchung des Ohres benutzt wird. Falls die diagnostischen Möglichkeiten vorhanden sind, eignet sich ein Endoskop hervorragend zur Untersuchung.

Sind bei dieser Untersuchung trotz erkennbarer äußerer Anzeichen wie Speicheln, veränderte Kaubewegungen oder Schrägstellung der Reibefläche der Nagezähne keine Veränderungen zu erkennen, muss eine gründliche Untersuchung angeschlossen werden. Diese sollte ausschließlich in Narkose stattfinden. Am besten geeignet ist eine kurze Isofluran- Narkose, deren Aufwachphase von ca. 1 - 2 Minuten für die Untersuchung in den meisten Fällen ausreicht.

Verletzung und Entzündung der Mundschleimhaut hinter dem letzten unteren Backenzahn. Aufnahme mit Endoskop.

Die Deutsche Gesellschaft für Tierzahnheilkunde (DGT) hat dazu eine Empfehlung erarbeitet:

"Eine profunde Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen der Mundhöhle und der Zähne bei Kaninchen und Nagern ist ohne eine geeignete Anästhesie nicht möglich. Zum einen werden ohne Anästhesie behandlungsbedürftige Prozesse nicht erkannt, zum anderen ist eine kunstgerechte Behandlung ohne Anästhesie nicht möglich.

Allein schon die Fixation und die Anwendung eines Maulspreizers zur Untersuchung am unsedierten Tier bedeuten eine erhebliche Belastung, die infolge von Abwehrreaktionen zu Verletzungen führen kann. Die bei manchen Tieren zu beobachtende Regungslosigkeit sollte nicht als Duldung verstanden werden, sondern vielmehr als Angststarre. Geht einer Narkose die Untersuchung am wachen Tier voraus, ist aufgrund einer verstärkten Katecholamin- Ausschüttung des gestressten Patienten von einem erhöhten Narkoserisiko auszugehen. Daher sollte eine gründliche Untersuchung erst in Narkose erfolgen.

Der Tierhalter sollte über die Notwendigkeit einer Narkose für die Behandlung seines Tieres aufgeklärt werden, damit auch die damit verbundenen höheren Kosten für die Behandlung verstanden und akzeptiert werden.

Die Zahndiagnostik und -behandlung bei Kaninchen und Nagern soll daher aus folgenden Gründen in Narkose erfolgen:

  1. Die Vermeidung von Stressreaktionen durch frühzeitigen Einsatz sedierender bzw. anästhetischer Maßnahmen senkt das Narkoserisiko in erheblichem Maße. Ohne sedierende bzw. anästhetische Maßnahmen entsteht bereits bei der Untersuchung der Mundhöhle eine massive Kreislaufbelastung, die zum Tod des Tieres führen kann. Das Narkoserisiko steigt, wenn der Patient pränarkotisch gestresst wird und infolgedessen höhere Dosierungen der Narkotika zur Erreichung derselben Narkosetiefe angewendet werden müssen.
  2. Eine Narkose vermeidet das Risiko abwehrbedingter Verletzungen. Dagegen kann es am wachen bzw. unvollständig narkotisierten Tier aufgrund plötzlicher starker Abwehrbewegungen oder unvorhersehbarer Exzitationen zu massiver Selbstverletzung kommen, wie z. B. in Form von Wirbel- oder Kieferfrakturen.
  3. Eine komplette Diagnostik der Zähne und der Maulhöhle ist bei Kleinsäugern nur unter Verwendung von Maul- und Wangenspreizern möglich.
  4. Eine umfassende Zahnbehandlung mit rotierenden oder scharfen Instrumenten ist aus Sicherheitsgründen wie auch aus Gründen der Sorgfaltspflicht nur unter Sedierung bzw. Narkose durchführbar.
  5. Eine Narkose verringert die Behandlungsdauer und gestattet ein gefahrenärmeres intraorales Arbeiten aufgrund unterbleibender Abwehrreaktionen.
  6. In Narkose wird eine bessere Positionierung des Patienten für aussagekräftige Röntgenaufnahmen des Schädels und der Zähne erzielt. Nicht zuletzt wird der Strahlenschutz für den Untersuchenden verbessert, da auf riskante Fixationsverfahren am unsedierten Kleinstpatienten verzichtet werden kann."

Dr. Markus Eickhoff, 1. Vorsitzender
Dr. Gerhard Staudacher, 2. Vorsitzender

 

Wird eine Zahnsanierung bei gutem Allgemeinbefinden und Ernährungszustand des Patienten durchgeführt, so ist die Prognose im Allgemeinen gut. Auch die Art der Zahn- bzw. Kieferveränderungen spielt ein Rolle. Im Gegensatz zu manchen erworbenen Befunden (vereiterte oder gesplitterte Zähne) können angeborene Fehlstellungen durch korrigierende Maßnahmen an den Zähnen allein nicht beseitigt werden. Bei Veränderungen im Bereich der Schneidezähne ist durchschnittlich alle 6 Wochen eine Behandlung erforderlich, im Backenzahn- Bereich treten Rezidive nach durchschnittlich 6 Monaten auf.

Zur Zahnbehandlung der Meerschweinchen ist ein Zahnbehandlungsstand gut geeignet. Damit können die narkotisierten Tiere fixiert und die Öffnung des Mäulchens fein justiert werden, um einen guten Überblick über das Arbeitsfeld zu haben.

Zahnbehandlungsstand: die Schneidezähne werden an den Querstreben eingehakt, so lässt sich das Mäulchen gut öffnen (allerdings nicht bei diesem Stofftier).

Kleinere Zahnspitzen können zwar mit speziellen Zangen und Feilen entfernt werden, wenn man aber bedenkt, dass diese Spitzen nur das Symptom einer anderen Erkrankung sind, dann macht es natürlich keinen Sinn, lediglich diese Symptome zu behandeln.

Ein kleines Sortiment an Zahninstrumenten. Oben Wangenspreizer und "Maul"öffner, in der Mitte Zahnzangen und Pinzetten, unten Raspeln und Feilen

Es geht auch meistens nicht darum die vorderen, überlangen und vielleicht ungleich abgenutzten Schneidezähne oder eine gut sichtbare Zahnbrücke zu kürzen, sondern es muss mit der Zahnsanierung möglichst wieder eine "Normocclusion", d.h. physiologische Zahn- und Kieferstellung hergestellt werden. Beim Meerschweinchen ist insbesondere der letzte obere Backenzahn ein Problem. Wenn er zu lange ist, kann das Tier den Mund nicht korrekt schließen. Eine wirksame Backenzahnbehandlung ist aber nicht mit Zangen und Raspeln, sondern nur unter Verwendung rotierender Instrumente möglich.

Mikromotor mit Diamantwalze und Weichteilschutzkappe. Spezialkonstruktion zur schonenden Abtragung von Zahnspitzen, vor allem im Backenzahnbereich.

Auch das Kürzen der Schneidezähne mit Spezialzangen kann schlimme Verletzungen oder Zahnfrakturen zur Folge haben. Viel sicherer funktioniert das mit Trennscheiben, deren Einsatz ohne Narkose auch undenkbar ist.

Diamantierte Trennscheiben zum korrekten Kürzen von Schneidezähnen

Bei der Nachbehandlung muss berücksichtigt werden, dass viele Patienten nach der Zahnsanierung nicht sofort selbständig Futter aufnehmen. Es können versuchsweise Schmerzmittel verabreicht, bei anhaltender Futterverweigerung müssen die Tiere jedoch zur Vermeidung einer Hungerketose oft über einen längeren Zeitraum artspezifisch zwangsernährt werden. Bei allen Tieren, die nicht spätestens zwei Tage nach einer Zahnkorrektur wieder fressen können, muss man deshalb immer auch an eine nicht ausreichende Korrektur denken!

Spektakuläre diagnostische Möglichkeiten bietet die Computertechnik. Aus Serien von Aufnahmen im Computer- Tomografen wird von der Software ein dreidimensionales Modell erstellt, welches nahezu jedes Detail des untersuchten Körperteils offenbart. Leider scheidet diese Methode wegen der hohen Kosten als Standard- Diagnostik aus.

3D- Modell eines Meerschweinchens im Computertomografen. Deutlich sichtbar der Defekt im rechten Oberkiefer, der auf eine vereiterte Zahnwurzel zurückzuführen war (CT und 3D- Modell: Tierklinik Aarau-West, CH 5036 Oberentfelden).

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Zahnbeispiele

Tirza Nasenzahn

Bei "Tirza Nasenzahn" war der linke obere Schneidezahn abgebrochen und ist von diesem Zeitpunkt an durch die Nase herausgewachsen. Der Zahn wurde regelmässig gekürzt und machte dem Tier keine großen Probleme (Bild von Ines und den Ammersee- Schweinchen).

Unterkiefer eines Zahnschweinchens. Der linke 3. Backenzahn (M3L) mußte alle zwei Wochen gekürzt werden. Erst jetzt posthum sieht man das ganze Ausmass des Schadens. Die Pathologen sehen und wissen alles, leider kommen sie meistens zu spät.

Schädelknochen eines Zahnschweinchens. Abszeß im Bereich des dritten unteren linken Backenzahnes. Eiter hatte nahezu den gesamten Knochen zerstört.

Brückenbildung links, Abszesse in den Alveolen des dritten und vierten Backenzahns. Der vierte Backenzahn wurde beim Kauen nur noch teilweise abgeschliffen.

Abszeß im Bereich der rechten unteren Schneidezahnes. Der Kieferknochen ist verdickt und porös.

Elefantenzahn

Der Schneidezahn rechts unten ist ein sogenannter "Elefantenzahn". Der Zahn ist deutlich dicker und von anderer Farbe und Struktur als sein Partner links.

Überlänge der Backenzähne

Überlänge der Backenzähne, vermutlich auf der rechten Seite. Dadurch haben sich die Schneidezähne ungleichmässig abgenutzt.

gesplitterte Schneidezähne

Dieses Schweinchen wurde so beiläufig wegen Abmagerns vorgestellt. Die oberen Schneidezähne bestanden aus etwa 6 einzelnen Zähnen, die sehr scharf und spitz waren. Schwer vorstellbar, daß dieses Tier normal gefressen haben soll. Bei dem Tier waren die Wurzeln der Schneidezähne im Oberkiefer gesplittert. Nach mehrmaligem Kürzen entwickelten sich wieder beinahe normale Zähne

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