Fütterung der Meerschweinchen

Jeder Meerschweinchenhalter kennt dieses mümmelnde Geräusch beim Fressen, welches Appetit, Wohlbefinden und Zufriedenheit seiner Tiere signalisiert. Um dem natürlichen Anspruch von Meerschweinchen an ihr Futter gerecht zu werden, sind allerdings einige Vorbedingungen in Bezug auf die Fütterung dieser Tierart zu berücksichtigen.

Ich möchte hier zunächst an die körperlichen Besonderheiten der Meerschweinchen erinnern, weil diese eine wichtige Grundlage der Fütterung sind.

Die Meerschweinchen besitzen Zähne, die zeitlebens weiterwachsen. Die Schneidezähne nehmen die Nahrung auf, die Zunge transportiert sie zwischen die Backenzähne und diese zermahlen sie durch eine Vorwärts- Rückwärts- Bewegung des Kiefergelenkes (Schubladen- oder Schlittengelenk). Dabei schleifen sich gleichzeitig die Zähne aneinander ab.

Hieraus folgt für die Ernährung, dass man Meerschweinchen zweierlei Nahrungsbestandteile anbieten muss: zum Einen Material zum Nagen und Abschleifen der Schneidezähne, zum Anderen Futterbestandteile, die ausgiebig zermahlen werden müssen um die Backenzähne in ihrer ursprünglichen Form zu halten.

Der Magen der Meerschweinchen ist sehr dünnwandig, weil seine Muskulatur nur schwach ausgebildet ist. Deswegen kann er die aufgenommene Nahrung nicht selbständig weitertransportieren, sondern ist darauf angewiesen, dass durch ständige Nahrungsauf- nahme der Nahrungsbrei weiter in den Darm geschoben wird ("Stopf- magen"). Dazu nehmen die Tiere in der Natur am Tag etwa 60 - 80 kleine Mahlzeiten auf, die gleichzeitig für den Weitertransport des Nahrungsbreis in den Darm sorgen.

 

Der Dickdarm des Meerschweinchens ist auf Zelluloseverdauung spezialisiert. Die Darmflora besteht aus Bakterien, die in der Lage sind, Zellulose aufzuspalten (Kokken und Laktobazillen). Damit diese Darmflora perfekt funktioniert, müssen optimale Lebensbedingungen für diese Keime vorliegen (ph-Wert von 8 - 9). Dies ist nur bei der Fütterung rohfaserreicher Futtermittel sicher gewährleistet. Die Verfütterung von zucker- oder stärkereichen Futtermitteln kann nämlich das Darmmilieu übersäuern, so dass die normale Darmflora zurückgedrängt wird oder abstirbt und unerwünschte Bakterien überwuchern, die nicht in der Lage sind, Zellulose aufzuspalten und daraus die lebenswichtigen Stoffwechselprodukte herzustellen.

Die wichtigsten Anforderungen an die Fütterung sind zusammengefasst also:

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Die Ernährung im Einzelnen

Der tägliche Energiebedarf für ein ausgewachsenes Meerschweinchen beträgt je nach Leistung 120 - 150 kcal pro kg KM. Dieser Bedarf entspricht einer Nahrungsaufnahme von etwa 8% des eigenen Körpergewichtes, das sind 80 g Futter pro Tag für ein 1 kg schweres Schweinchen (Mensch 2500 - 10000 kcal/Tag). Ein Energiemangel führt zunächst zu Körpermasseverlusten und kann später Fellverluste bzw. eine erhöhte Infektionsanfälligkeit zur Folge haben.

Grundfuttermittel für Meerschweinchen ist das Heu. Sauberes Heu muss ganztägig in ausreichender Menge zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen.

Bevorzugtes Essen der meisten Schweinchen aber ist Grünfutter. Es schmeckt gut, enthält alle wichtigen Nährstoffe und macht nicht dick. Es darf und soll also reichlich angeboten werden. Dazu zählen in Frühjahr und Sommer vor allem Gras, viele Wiesenkräuter (Wegerich, Giersch, Schafgarbe), Maisblätter und - bei uns zumindest der absolute Hit - der Löwenzahn.

Dieses Futter sollte nicht nass sein, sondern richtig trocken. Die Tiere könnten sonst Fehlgärungen bekommen, die sich in Bauchschmerzen, Durchfall oder Blähungen äußern. Man sollte darauf achten, dass Gras nicht an Straßenrändern oder Plätzen gepflückt wird, an denen andere Tierarten ihre Geschäfte hinterlassen. Obst und Gemüse kann man gründlich waschen oder, wenn man ganz sicher gehen will, schälen. Allerdings enthalten die Schalen die meisten Vitamine.

Zusätzlich kann man den Tieren Zweige von Birke, Apfel und Haselnuss auch mit Blättern oder Fichten- und Tannenzweige zum Knabbern anbieten, die letztgenannten sollten allerdings keine harzigen Substanzen enthalten.

Wenn diese Grundfütterung mit kleinen Mengen an Karotte, Apfel, Fenchel, anderem frischen Obst (Wassermelone) und Gemüse ergänzt wird, bekommen Meerschweinchen alles, was sie zum Leben brauchen.

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Winterfütterung

Leider gibt es viel zu viele Monate im Jahr, in denen dieses Grünfutter nicht zur Verfügung steht. Prinzipiell können dann alle Salate angeboten werden, die wir als Tierhalter selbst auch essen. Endivien-, Eis-, Römer- und Feldsalat können das Gras ersetzen, als Beilagen werden Chicoree, Radicio, Petersilie und Dill sehr geschätzt, die allerdings - wie auch in der menschlichen Ernährung - nur in Kleinmengen gegeben werden sollten. "Sonntagsbraten" während des Winterhalbjahres sind für meine Tiere getrocknete Maisblätter, die ab Anfang September zum Trocknen aufgehängt worden sind.

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Kräuter

Wenn im Futter ein paar frische Wiesenkräuter zu finden sind, ist das erwünscht. Getrocknete Kräuter können bedenklich sein, sie enthalten meist gewaltige Mengen an Mineralstoffen und sollten deswegen tatsächlich nur zum "Würzen", nicht aber als Futtermittel angeboten werden.

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Vitaminzusätze

Ein gesundes Meerschweinchen braucht keine zusätzlichen Vitamingaben, da die Vitamine im Grünfutter in ausreichender Menge enthalten sind. Bei kranken, rekonvaleszenten oder Zucht- Tieren kann, besonders im Winter, eine Vitaminzufuhr erforderlich sein. Vitaminzusätze zu Futter oder Tränke sollten möglichst wenig Zucker enthalten, generell ist es besser, auf Gemüse wie z.B. Paprika, Petersilie und Salate als Vitaminlieferanten zurückzugreifen.

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Fütterungsfrequenz

Meerschweinchen nehmen in der Natur etwa 60 - 80 mal am Tag Nahrung in kleineren Portionen auf. Diese Fütterung lässt sich natürlich beim Hausmeerschweinchen nicht nachvollziehen. Optimal wäre es, möglichst oft kleine Mahlzeiten und zusätzlich rund um die Uhr Heu anzubieten.

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Trockenfutter

Für Trockennahrung werden in der Literatur folgende Inhalte empfohlen:

Rohfaser: 14 - 20 %

In der Fütterung von Meerschweinchen spielt der Rohfasergehalt der Ration eine große Rolle. Faser dient der Bereitstellung von Energie, der Aufrechterhaltung der Darmbewegungen und der Vorbeuge von Entzündungen im Magen/Darm- Trakt. Die Bedeutung der Rohfaser liegt nicht nur in deren energetischen Nutzen, sondern sie spielt auch als Ballaststoff eine Rolle im Bezug auf die Zusammensetzung des Nahrungsbreis, die Form des Hartkotes und die Aufrechterhaltung des normalen Nahrungstransportes. Die Angaben für den Mindestgehalt variieren von 14 - 20 %. Gehalte von mehr als 25 % werden aufgrund der Einbußen in der Verdaulichkeit des Futters nicht angeraten.

 

Rohprotein: 16 - 18 %

Rohprotein sollte in einer Menge von mindestens 10 % in der Trockensubstanz vorhanden sein. Als Ergebnis der Eiweißverdauung entstehen im wesentlichen freie Aminosäuren, die in der Leber je nach Bedarf in Hormone, Enzyme oder Harnstoff umgewandelt werden. Im Blinddarm gebildete Aminosäuren werden dort zum Aufbau von Bakterieneiweiß benutzt. Bei einem Mangel kann es es zu Entzündungen der Haut und Haarausfall kommen.

 

Rohfett: 3%

Fett spielt in der Ernährung vor allen Dingen eine Rolle als Lieferant essentieller Fettsäuren und zur Lösung der fettlöslichen Vitamine. Als Energieträger ist Fett ebenfalls von Bedeutung. Empfohlen werden Gehalte von 3 - 5 % Fett der Ration. In Versuchen, in denen die Tiere ein Futter mit geringem Fettgehalt erhielten, wurden Symptome wie vermindertes Wachstum, Entzündungen der Haut und Fellverlust beobachtet.

 

Für die Vitamin- und Mineralstoff- Gehalte pro kg Futter gelten folgende Empfehlungen:

Vitamin A : 12000 i.E.
Vitamin C : 200 - 300 mg
Vitamin D : 500 - 750 i.E.
Vitamin E : 50 mg
Kalzium: 3 - 6 g
Magnesium: 1 - 2 g
Phosphor: 2 - 4 g

 

Ein- oder Mehrpelletfutter

Die meisten Zusatzfutter werden von den Tierbesitzern mit dem Auge gekauft und so werden diese hübsch farbig zusammengestellten Mischungen favorisiert. Meerschweinchen sind aber sehr wählerische Esser und so klauben sie sich ihre farbigen Lieblingsbestandteile aus dem Futternapf heraus. Die eigentlichen Pellets bleiben oft weitgehend unversehrt und unverzehrt. So kann natürlich eine ausgewogene Ernährung selbst bei optimal zusammengesetztem Futter nicht funktionieren. Deshalb sollte die Einpellet- Fütterung bevorzugt werden. Das Futter ist zwar nicht so schön bunt, aber jeder einzelne Bissen enthält exakt die eingemischten Bestandteile.

 

Warum wird von Trockenfutter häufig abgeraten?

Hier noch einmal die anatomischen Anforderungen:

Material zum Nagen zum Abnutzen der Schneidezähne
Das ist beim Trockenfutter sicherlich der Fall, die Schneidezähne zerbeißen das Trockenfutter

Futter, das lange zermahlen werden muss und sich dadurch die Backenzähne aneinander abschleifen können.
Trockenfutter wird zerbissen und abgeschluckt aber nicht zermahlen

Die ständige Verfügbarkeit von Futter, damit der Transport der Nahrung vom Magen in den Darm gewährleistet ist.
Trockenfutter ist sicherlich ständig verfügbar, wirkt jedoch wegen der hohen Energiedichte und dem großen Volumen stark sättigend auf die Tiere, so dass zu wenig Heu aufgenommen wird. Der Zahnabrieb ist eingeschränkt weil nicht zermahlen sondern zerbissen und abgeschluckt wird.

Kein Zucker oder Stoffe, die in Zucker abgebaut werden, damit die Darmflora nicht zerstört wird.
Trockenfutter enthält meist hohe Mengen an Kohlenhydraten, die zu Zucker umgebaut werden.

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Trinken

Der Tagesbedarf für Meerschweinchen liegt bei 80-100 ml Flüssigkeit pro kg KM. Die meisten Schweinchen nehmen genügend Flüssigkeit über die Nahrung auf. Trotzdem muss stets sauberes Trinkwasser zur Verfügung stehen. Jede Beschränkung der Wasseraufnahme kann eine reduzierte Futteraufnahme zur Folge haben bzw. es kann zu einer Anschoppung (Verdickung) des Dickdarminhaltes kommen. Ein weiteres Risiko einer ungenügenden Wasseraufnahme besteht in der Gefahr der Harnsteinbildung. Die Wasseraufnahme kann durch ein Angebot von Saftfutter (Gras, Löwenzahn, Salat, etc.), mischen des Trinkwassers mit etwas Apfelsaft oder dem Wasserangebot in Schalen erreicht werden. Es wurde in einer Studie nachgewiesen, dass Meerschweinchen signifikant mehr Wasser aufnehmen, wenn sie aus Schalen trinken können. Die Wasserschalen müssen im Gegensatz zu Nippeltränken 2- 3 x täglich gereinigt werden. Wenn die Trinkschalen erhöht aufgestellt werden, verschmutzen sie im Übrigen nicht so leicht. In Trinkflaschen setzen sich schnell Bakterien und Algen fest, diese sind oft nicht sichtbar und können Darmprobleme nach sich ziehen.

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Futterumstellung

Vorsicht bei allen plötzlichen Futterumstellungen! Zur Verdauung jeder Futterkomponente sind spezielle Bakterien nötig, die miteinander ein labiles Gleichgewicht bilden. Man sollte deshalb niemals von heute auf morgen das Futter komplett wechseln, sondern neue Futtermittel zunächst in steigender Menge dem gewohnten Essen zufügen, die Tiere also langsam an eine geänderte Ernährung gewöhnen.

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Mögliche Folgen einer "zu gut gemeinten" Ernährung
Blasenschlamm

Der Harn von Meerschweinchen kann, je nach Art der Fütterung und Tränke von nahezu farblos und flüssig bis hin zu zähfließend oder milchig sein. Weiße oder andersfarbene Beimengungen nennt man "Blasenschlamm". Dabei handelt es sich meist um kalziumhaltige Konkremente, die bei Urinabsatz Schmerzen bereiten oder sich zu Blasensteinen entwickeln können. Ursache kann ein Überangebot von Kalzium bzw. Vitamin D mit der Nahrung sein, große Mengen davon sind z.B. in allen Luzerne- Produkten, im Körner- und Trockenfutter enthalten, fördernd können auch Bewegungs- und Wassermangel sein. Mehr zur Vorbeuge

Dermatitiden

Das Fehlen essentieller Fettsäuren kann zu Entzündungen der Haut mit Juckreiz und Haarausfall führen.

Durchfälle, Blähungen, Verstopfung

Können auftreten nach der Aufnahme von verdorbenem, verschmutztem, erhitztem, gefrorenem, feuchtem oder schimmligem Futters. Schädigungen entstehen häufig auch durch Gabe von Antibiotika. Jede Störung der physiologischen Mikroflora kann zur unkontrollierten Vermehrung von Mikroorganismen führen, welche die zelluloseverdauenden Bakterien überwuchern. Eine systemische Gabe von Antibiotika ist nach gründlicher Abwägung nur dann angebracht, wenn eine lebensbedrohliche bakterielle Erkrankung nicht anders behandelt werden kann.

Verfettung

Wenn die Tiere zu viele Kalorien aufnehmen, können wegen des Überangebotes an Energie verfetten. Übergewichtige Tiere neigen zu Ballenabszessen, Bewegungsmangel und Herz-Kreislauf- Erkrankungen.

Zahnfehlstellungen

können sich durch Kalziummangel ausbilden. Eine überwiegend aus stärke- und zuckerreichen Futtermitteln bestehende Diät liefert möglicherweise zu wenig Kalzium, was sich dann besonders durch Zahnfehlstellungen erkennen lässt. Weil Körnerfutter nur mit den Zähnen zerquetscht und nicht lange genug mit den Backenzähnen gemahlen wird, können durch ungenügenden Zahnabrieb überlange Zähne und Brückenbildungen entstehen.

Schlußbetrachtung

Die Fütterung von Meerschweinchen ist relativ einfach, man darf nur nicht den Fehler machen, sie mit menschlichen Maßstäben zu messen. Zur artgerechten Ernährung benötigen die Tiere Heu und sauberes Trinkwasser zur freien Verfügung, zusätzlich kleinere Mengen an Grünfutter. Damit nehmen gesunde Meerschweinchen alle benötigten Nährstoffe in ausreichender Menge auf. Betrachtet man die Vielzahl der im Fachhandel angebotenen Futtermittel und Leckereien dann gilt: "weniger ist mehr" (weniger energiereiches Futter ist mehr Gesundheit).

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