Untersuchungen zum Wohlergehen von Hausmeerschweinchen


Facharbeit aus der Biologie
für Frl. Fuchs, Speedy und Teufelchen,
die diese Untersuchungen mit mir begonnen haben,
die Fertigstellung der Arbeit aber nicht mehr erleben durften.
Einleitung

"Das schon seit Jahrhunderten in Europa lebende Meerschweinchen erfreut sich als Haustier, besonders bei Kindern, zunehmender Beliebtheit" [2]. So hat sich in den Jahren von 1991 bis 2001 die Anzahl der kleinen Heimtiere von 3,0 Millionen auf 5,7 Millionen nahezu verdoppelt [14].

Über die artgerechte Haltung ihrer Haustiere aber wissen die meisten Besitzer viel zu wenig Bescheid. Dabei wird schon im ersten Paragraphen des Tierschutzgesetzes über Haltung und Bedürfnisse von Haustieren gefordert: "Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen" [11].

Bei physisch und psychisch stark belasteten Tieren findet sich über lange Zeit ein hochgradig erhöhter Blutspiegel von Stresshormonen, in Folge dessen das Immunsystem zusammenbrechen kann [4]. Artgerecht gehaltene Tiere sind gesünder, robuster und widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten.

Somit ist es Pflicht und eigenes Interesse der Besitzer, so gut wie möglich für das Wohl ihrer Haustiere zu sorgen. Richtig praktiziert fordert diese Sorge zwar Zeit und Aufwand, aber zu sehen, dass es den Tieren dadurch deutlich besser geht, steigert auch die Freude des Menschen an seinen Hausgenossen.

Ich werde durch einige Untersuchungen und Beobachtungen zeigen, dass sich das Wohlergehen von Hausmeerschweinchen durch einfache Veränderungen seiner Umgebung deutlich erhöhen lässt.

Hauptteil
2.1 Was bedeutet Wohlbefinden?

Es sollte zunächst geklärt werden, was der Begriff Wohlbefinden überhaupt bedeutet. Nach Sachser ist die auch im Tierschutzgesetz benutzte Bezeichnung "Wohlbefinden" unpassend, da "sich das subjektive tierliche Empfinden einer objektiven Analyse entzieht". Er benutzt daher den Begriff "Wohlergehen". Dieser wird als "Zusammenhang zwischen sozialer Umwelt, Verhalten, Vitalität und Fertilität eines Lebewesens" definiert. "Indikatoren dafür lassen sich anhand geeigneter, objektiv erfassbarer physiologischer (...) und ethologischer (Verhaltensbeobachtungen) Parameter ermitteln" [9].

 

2.2 Bisherige Untersuchungen

Rüdiger Beer aus Nürnberg führte "die erste experimentelle Studie an einem Säugetier" durch, in diesem Fall am Meerschweinchen, "in der lebenslänglich täglich die soziale Umwelt verändert und gleichzeitig sowohl Verhalten, physiologische Belastungsparameter und der Lebenszeit- Reproduktionserfolg gemessen wurde."

Dabei wurden die Tiere, die Beer für seine Experimente verwendete, einem großen sozialen Stress ausgesetzt, da sie "lebenslang täglich in eine andere Gruppe" wechselten. Es wurden täglich Messungen und Aufzeichnungen durchgeführt, damit eine detaillierte Analyse möglich war. Eines der wichtigsten Ergebnisse seiner Untersuchungen war die Tatsache, dass "Weibchen, deren soziale Umwelt täglich wechselte, wesentlich kürzer leben als Kontrolltiere .... die in einer stabilen sozialen Umwelt lebten."

Auch Norbert Sachser untersuchte 15 Jahre lang die "Bedeutung der sozialen Umwelt für das Verhalten und Wohlergehen von Säugetieren". Beide, sowohl Beer als auch Sachser, beeinflussten in ihren Untersuchungen das soziale Umfeld der Meerschweinchen negativ, indem sie die Tiere sozialem Stress aussetzten. Udo Gansloßer, bei dem ich an einem Verhaltensforschungsseminar im Nürnberger Zoo teilnahm, fand heraus, dass dieser negative Stress bei den Tieren sogar bis zum Tod führen kann. "Tiere können aufgrund von sozialer und körperlicher Belastung sterben". Für seine Untersuchungen entnahm er den Versuchstieren regelmäßig eine bestimmte Menge Blut. Aus den Ergebnissen der Blutuntersuchungen folgerte er: "Gestresste Tiere haben über lange Zeit einen riesig erhöhten Cortisolspiegel, in Folge dessen das Immunsystem zusammenbricht und Krankheiten ein leichtes Spiel haben"

Im Gegensatz zu Beer und Sachser möchte ich in meinen Versuchen keinerlei negativen Einfluss auf das Wohlergehen der Meerschweinchen ausüben - im Gegenteil, die Veränderungen am Gehege und Umfeld sollen größtmögliches Wohlergehen für die Tiere erzeugen. Dieses werde ich mit Hilfe meiner Beobachtungen und den daraus resultierenden Ergebnissen nachweisen.

2.3 Eigenschaften und Besonderheiten von Meerschweinchen

Um die Handlungen, Verhaltensweisen und Reaktionen eines Meerschweinchens zu verstehen, ist es notwendig, zunächst die Eigenschaften und Besonderheiten dieser Tiere kennen zu lernen.


Abbildung 1: Meerschweinchen im Gehege

Das Meerschweinchen wird häufig als geradezu "konfektioniert" für die Heimtierhaltung bezeichnet, da es angeblich sehr anspruchslos und pflegeleicht ist und keine großen Platzansprüche stellt. Die Grundbedürfnisse des Tieres werden oft falsch eingeschätzt, weswegen es sehr häufig dazu kommt, dass verhaltensgestörte, kranke aber auch kerngesunde Tiere in Tierheimen abgegeben werden. So werden im Tierheim Feucht jährlich etwas mehr als halb so viele Kleinnager abgegeben und vermittelt als Katzen [10]. Seinen traurigen Ruf als Kindertier verdankt es der Tatsache, dass diese Spezies in etwa den gleichen Tagesablauf lebt wie der Mensch. Meerschweinchen sind im Gegensatz zu vergleichbaren nachtaktiven Nagern tag- und dämmerungsaktive Tiere.

Meerschweinchen sind Tiere mit vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten und Verhaltensweisen. Einzelhaltung auf engem Raum ermöglicht kein artgerechtes Verhalten, da Anregungen fehlen und Bewegungsmangel herrscht. Peter Gurney bringt dies in seinem Buch "The proper care of guinea pigs" zum Ausdruck: "There are three important factors, which are sometimes overlooked, to consider when providing guinea pigs with homes. One is the likelihood of the need for expansion" [5]. Damit will er betonen, wie wichtig es für die Meerschweinchen ist, genügend Raum zur Verfügung zu haben, um ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben zu können.

Des weiteren sind sie scheue Fluchttiere, die bei Gefahr entweder in einen sicheren Unterschlupf flüchten oder in eine sogenannte "Schreckstarre" fallen. Dies ist für die Nagetiere mit großem Stress verbunden, da sie sehr sensibel sind.

Es stellt sich die Frage, was mit "artgerechter" Tierhaltung eigentlich gemeint ist. ""Artgerecht" meint mehr als die bloße Befriedigung elementarer und offensichtlicher Grundbedürfnisse wie Hunger und Durst und eine saubere Schlafstelle, es meint die Annäherung der Haltungsbedingungen an die ursprüngliche Lebensweise einer Tierart" [8]. Man sollte also davon weggehen zu denken, ein Standardkäfig aus der Zoohandlung und ein schönes Häuschen darin würden für das Tier ausreichen. Stattdessen sollte man versuchen, dem Tier seine natürlichen Lebensbedingungen so gut es geht nahe zu bringen.

Da aber Meerschweinchen keine Möglichkeit haben, ihre Lebensbedingungen selbst zu verändern, ist es notwendig, "Verständnis für ihr Wesen und ihre vielfältigen Bedürfnisse aufzubringen" [8]. Nur so ist eine artgerechte Haltung auf Dauer möglich und nur so kann man auch artgerechtes Verhalten an den Tieren beobachten.

Es besteht durchaus die Möglichkeit, solche Lebensbedingungen für die Meerschweinchen zu schaffen. Meerschweinchen sind keine Einzelgänger, sondern "Sippentiere". Sie "sind gesellige, hochkommunikative Tiere" [2]. Drei oder mehrere Artgenossen bilden eine Gemeinschaft, die Tiere sind so aktiver und lebhafter. Sie sind sehr bewegungsfreudig und sind deshalb auf "einen möglichst großen und phantasievoll gestalteten Lebensraum angewiesen" [8]. Gibt man ihnen die Möglichkeit, ihre natürlichen Bedürfnisse auszuleben, kehren sie innerhalb von wenigen Tagen zu ihrem angeborenen Verhalten zurück, da sie ihre ursprünglichen Instinkte nicht verlieren.

Meerschweinchen sind sehr soziale und friedliche Tiere. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Kontakt mit Artgenossen. Nur untereinander kann sich ihr intensives Sozialverhalten entfalten.


Abbildung 2: Meerschweinchen im Sozialverband auf Futtersuche

Der Raum, auf dem die Tiere leben, sollte möglichst groß sein. Eine anregend gestaltete Umgebung, die ihrem natürlichen Lebensraum nachempfunden ist, wäre für die Tiere ideal. "Entscheidend für die Unternehmungslust und das Wohlbefinden eines Meerschwein- chens ist nicht einfach die Größe des Lebensraumes, sondern die Art und Weise, wie dieser eingerichtet ist" [8]. Hierbei sind Unterschlüpfe für das Tier sehr wichtig, sie übernehmen die Funktion von Höhlen. Meerschweinchen fühlen sich auf leeren Flächen und offenen, ungeschützten Räumen schutzlos. Der Unterschlupf dient als Zufluchtsort, als Versteck oder als Ort der Geborgenheit, hier haben die Tiere ihre Ruhe, sie fühlen sich geschützt.

Dennoch brauchen die Tiere Abwechslung, da auch ein gut strukturierter Lebensraum langweilig werden kann. Am Besten verändert man regelmäßig Kleinigkeiten an der Umgebung, dadurch werden Meerschweinchen angeregt, das neue Umfeld zu erforschen und sich dadurch körperlich zu betätigen. So werden sie nicht passiv oder träge.

2.4 Material und Methode

Zu den Untersuchungen standen 14 Hausmeerschweinchen (4 Rosetten, 2 Peruaner, 1 Angora, 1 Sheltie, 6 Glatthaar) zur Verfügung, die in einem eigens dafür konzipierten Gehege lebten. Das älteste Tier war 7 Jahre, das jüngste 1 Jahr alt. Es handelte sich dabei um 13 weibliche und 1 kastriertes männliches Tier. Ein Tier verstarb im Laufe der Messungen.

Das Gehege, das mit handelsüblicher Einstreu bestückt war (eine Schicht Hanfstreu, darüber Hobelspäne), war 2,20 m breit und 1,90 m lang (4,18 m²). An beiden Längs- und der hinteren Querseite wurden den Tieren Unterstände gleicher Größe und Beschaffenheit zum Aufenthalt angeboten.

Die Tiere wurden während der Untersuchungen sechsmal täglich gefüttert, sauberes Trinkwasser und frisches Heu standen stets zur freien Aufnahme zur Verfügung.

Zu den Zählungen wurde soweit möglich eine Kamera (Aiptek Mega Cam) benutzt, die von der Überwachungs- Software (Vision GS V1.30) eines im Nachbarraum stehenden Computers angesteuert wurde. Auf diesem Rechner wurden auch die Bilder sofort digital gespeichert. An der rechten Seite des Raumes waren Spiegel angebracht, die es erlaubten, mit einem Foto jeden Punkt innerhalb des Geheges zu erfassen.


Abbildung 3: Der "Spiegelsaal" für die Untersuchungen.

Es wurde davon ausgegan- gen, dass sich die Tiere nach einer Mahlzeit einen Ruhe- platz suchen. Je attraktiver aus ihrer Sicht einer der angebotenen Unterschlüpfe war, desto häufiger würde er auch in Anspruch genommen werden. So sollte die Beleg- ung der vorhandenen Schlaf- plätze Aufschluss darüber geben, ob kleine Veränderungen diese für die Tiere attraktiver machten und somit positiv auf ihr Wohlbefinden einwirkten.

Die Messungen fanden jeweils eine halbe Stunde nach der Mittagsfütterung um 13 Uhr statt. Da Meerschweinchen tagsüber in einem 2-Stunden Rhythmus leben, sie fressen 1/2 Stunde und ruhen danach 1,5 Stunden [13], schien dieser Zeitpunkt für die Untersuchungen des Ruheverhaltens am besten geeignet, weil um diese Tageszeit auf künstliche Lichtquellen verzichtet werden konnte, die eventuell auf das Befinden und das Ruheverhalten der Tiere Einfluss hätten nehmen können.

Gemessen wurde von 13 Uhr 30 bis 15 Uhr in Zeitabständen von jeweils 1,5 Minuten. Die Auswertung der Aufnahmen erfolgte sofort im Anschluss mittels Strichlisten. Berücksichtigt in der Auswertung wurden nur die Tiere, die sich auf mindestens drei aufeinanderfolgenden Aufnahmen, also drei Minuten lang, an der selben Stelle aufhielten, also dort auch ruhten und nicht zufällig ins Bild gelaufen waren.

Auf den Strichlisten wurde das Gehege in dreißig Rechtecke eingeteilt, die der Größe der Unterkünfte entsprachen. Die endgültige Auswertung der Ergebnisse erfolgte danach, in welcher Hälfte des Geheges (links oder rechts) ein Ereignis stattfand. So konnte jeweils ein größerer Bereich des Umfeldes verändert werden und mehrere Tiere gleichzeitig darauf reagieren. Nur so schienen repräsentative Aussagen möglich.

2.5 Beschreibung der Untersuchungen

In Vorversuchen wurde den Meerschweinchen die Möglichkeit gegeben, sich zwischen Häusern unterschiedlicher Bauart zu entscheiden. Hierfür wurde die linke Seite des Geheges mit geräumigen Nagerhäuschen der Größe 50 x 24 x 14 cm mit jeweils einem Eingang und einem Fenster bestückt, rechts wurden gleich große, selbstgefertigte Unterkünfte mit zwei großen offenen Türen installiert. Für die fensterlose Variante entschieden sich 61,78% der gewerteten Meerschweinchen.

In einem weiteren Vergleich dieser zweitürigen Behausungen mit einfachen Unterständen, die aus einem 25 cm breiten Brett bestanden, welches durch Holzstücke in gleich große Zwischenräume unterteilt und in einer Höhe von 16 cm gehalten wurde, bevorzugten über drei Viertel der Tiere (75,28%) die Plätze unter dem Brett als Ruhestellen. Deshalb wurde das ganze Gehege nach diesem System ausgestattet, was auch den Vorteil mit sich brachte, dass sich die Tiere so wesentlich besser beobachten ließen, als das in Hütten der Fall war.


Abbildung 4: Das bewohnte Versuchsgehege

Nun wurde die allgemeine Verteilung im leeren Gehege beobachtet, das komplett frisch mit Hobelspänen und einer dünnen Heuschicht eingestreut war. Es stellte sich heraus, dass sich 44,71% in der linken und 55,29% der Tiere im rechten Bereich des Geheges aufhielten.

 

Nun wurde die allgemeine Verteilung im leeren Gehege beobachtet, das komplett frisch mit Hobelspänen und einer dünnen Heuschicht eingestreut war. Es stellte sich heraus, dass sich 44,71% in der linken und 55,29% der Tiere im rechten Bereich des Geheges aufhielten.

 

  A B C D E F
1 34 220 66 242 286 176
2 108 28 43   132 242
3 275       9 275
4 272 87 32 33 23 209
5 299 300   11 275 268
             
6 988 635 141 286 725 1170
7 1764         2181
8 44,71%         55,29%

Tabelle 1: Verteilung der Tiere im leeren Gehege, komplett frisch eingestreut. 5 Messungen, 3945 Werte. Die schattierten Areale stellen die Behausungen dar. In Zeile 7 sind die Messwerte der linken (A+B+C) und der rechten (D+E+F) Gehegehälfte, in Zeile 8 der sich daraus ergebende prozentuale Anteil der Tiere angegeben, die sich in der jeweiligen Gehegehälfte aufhielten.

Als nach zwei Tagen die Einstreu der rechten Hälfte des Geheges komplett erneuert wurde, hielten sich 71,51% der Tiere dort auf. Wurde nun aber die Einstreu der linken Hälfte nach erneut zwei Tagen gewechselt, befanden sich dort nur 48,83% der Tiere, 51,17% von ihnen bevorzugten trotz der frischen Einstreu auf der linken Seite die rechte Hälfte.

Um herauszufinden, wie man die linke Seite "attraktiver" für die Meerschweinchen machen kann, wurden von jetzt an immer nur in der linken Hälfte des Geheges Veränderungen durchgeführt.

Farben spielten bei der Wahl der Ruhestelle keine Rolle. Die Anbringung farbiger Kartonagen (grün, blau, rot, schwarz) an den Rückwänden der Unterkünfte zeigte keinerlei Änderung im Ruheverhalten.

Im nächsten Versuch wurden auf der Oberseite der Unterstände Tücher auf diese Weise angebracht, dass sie die Vorderseite der Behausungen etwa bis zu deren halben Höhe verdeckten. Nun hielten sich dort 59,10% der Tiere auf.

Als nächstes wurden die Tücher so angebracht, dass sie bis zum Boden reichten und somit die Unterstände vollständig verhängten. Auf einer Seite jedes Unterstandes wurde ein handbreiter Eingang gelassen. Jetzt jedoch hielten sich im Gegensatz zum Versuch zuvor nur noch 43,53% Tiere auf der linken Seite auf. 56,47% bevorzugten wieder die rechte Hälfte.

 


Abbildung 5: Teilweise abgehängte Schlafkojen

Nach erneut zwei Tagen wurde die Einstreu der linken Hälfte komplett erneuert. Zusätzlich wurden Tannenzweige vor den Unterständen angebracht. Eine sehr hohe Prozentzahl der Tiere, nämlich 75,22 % hielt sich nun auf der linken Seite des Geheges auf. Wurden diese Tannenzweige durch beblätterte Äste vom Apfelbaum ersetzt, bevorzugten 63,42% der Meerschweinchen die linke Gehegehälfte.

Ein Brett mit den Maßen 50 x 20 cm wurde mit einem Ende auf die Einstreu, mit dem anderen auf das Dach der Kojen gelegt. Unter der so entstandenen Rampe lag immer mindestens eines der Tiere, 51,89% bevorzugten jetzt die linke Hälfte.

Wurde Heu in frisch gereinigte Unterstände gegeben, befanden sich dort 50,55% der Tiere. Die Kojen der linken Gehegeseite nicht frisch eingestreut, sondern nur jeweils zur Hälfte mit frischem Heu aufgefüllt, bewirkte, dass sich 50,19% der Tiere dort aufhielten.

Wurde nun in der Mitte des Geheges ein großer Heuhaufen platziert, begaben sich deutlich mehr Tiere an diese Stelle des Geheges als sonst.

2.6 Besprechung der Ergebnisse
  % links % rechts Unterschied Zählungen Werte
mit/ohne Fenster 38,22 61,78 - 60 582
Häuser/Unterstände 24,72 75,28 - 60 631
normale Verteilung 44,71 55,29 0 300 3945
frische Einstreu re 29,41 71,75 -15,30 120 1562
frische Einstreu li 48,83 51,17 + 4,12 120 1583
farbige Rückwand 44,70 55,30 -0,01 120 1621
Vorhang halb 59,10 40,90 +14,39 120 1616
Vorhang ganz 43,53 56,47 -1,18 120 1576
Fichtenzweige 75,22 24,78 +30,51 120 1622
Apfelbaumzweige 63,42 36,58 +18,71 120 1643
Rampe 51,89 48,11 +7,17 120 1588
Heugabe 1 50,55 49,45 +5,84 120 1624
Heugabe 2 50,19 49,81 +5,48 120 1604
Heugabe 3 47,69 52,31 - 60 824

 

Tabelle 2: Ruheplätze der Tiere im Gehege unter Versuchsbedingungen. Die Spalten zeigen die prozentuale Verteilung in der linken und rechten Gehegehälfte, den Unterschied zur Normalverteilung, die Anzahl der Zählungen und die der gewerteten Probanden.

Durch die Voruntersuchungen stellte sich heraus, dass sich die Meerschweinchen lieber in einfache Unterschlüpfe zurückzogen, als in Behausungen mit oder ohne Fenster. Nach vorne offene Kojen bieten Rundumsicht und bessere Fluchtwege, als dies bei Hütten der Fall sein kann und kommen so den natürlichen Fluchtreflexen der Meerschweinchen besser entgegen.

Auffällig war anfangs, dass die Tiere die rechte Seite des Geheges der linken deutlich vorzogen. Das liegt meiner Ansicht nach an der Tatsache, dass die rechte Gehegehälfte wegen des Lichteinfalls des gegenüberliegenden Fensters um einiges heller ist als die linke.

Im Vergleich zu besseren Lichtverhältnissen erschien den Tieren sogar die frisch eingestreute linke Hälfte des Lebensraumes weniger attraktiv. Wurde dagegen die rechte Seite erneuert, suchte eine beträchtliche Mehrheit der Tiere diese spontan auf. Daraus folgere ich, dass den Tieren Helligkeit wichtiger ist als absolute Sauberkeit, dass sie dafür auch kleinere Hygienemängel tolerieren.

Eine farbliche Veränderung der Rückwände der Behausungen bewirkte keinerlei Änderung im Verhalten der Tiere. Tatsächlich ist es so, dass Meerschweinchen Farben zwar unterscheiden, aber nur schlecht erkennen können. Zumindest bewirkten unterschiedliche Farben der Unterstände keine geänderte Anziehungskraft auf die Probanden.

Durch das Vorhängen von Tüchern vor die Behausungen, die deren Vorderseite etwa bis zu halber Höhe verdeckten, wurde die linke Seite des Geheges für die Tiere attraktiver als in der Normalverteilung. Hängte man die Tücher aber so auf, dass sie die Behausungen bis zum Boden bedeckten, hielten sich dort nicht mehr so viele Tiere auf. Dies lässt sich wieder mit der Tatsache erklären, dass die Meerschweinchen gerne aus ihrem Unterschlupf heraus beobachten möchten, was um sie herum vorgeht. Dazu haben sie keine Möglichkeit mehr, sobald ihre Behausungen vollständig verdeckt sind. Im Vergleich zu Hütten schnitt diese Konstellation aber vermutlich deswegen besser ab, weil die Tiere die Unterschlüpfe durch diese Vorhänge wenigstens an jeder Stelle verlassen können.

Die auffälligste Veränderung im Ruheverhalten ließ sich durch Anbringen von Zweigen vor den Unterständen erzielen. Dies lässt sich auf diese Weise erklären, dass die Zweige für die Tiere eine optimale Möglichkeit bieten, sich zu verstecken. Sie können von außen nur schlecht gesehen werden, aus ihrem Unterschlupf heraus aber alles beobachten und verfolgen, was sich um sie herum ereignet. Die Zweige übernehmen hier sozusagen eine Art Höhlenfunktion. Außerdem waren die Nadeln der Fichten- und Tannenzweige als Futter eine willkommene Abwechslung.

Auch die Äste eines Apfelbaumes schienen für die Tiere ein gutes Versteck darzustellen. Sobald sie aber deren Blätter vollständig abgefressen hatten, waren die Äste für sie als Versteck nicht mehr so interessant, wohl aber als Spielzeug und als Nagematerial.

Wurde nun eine Rampe in der linken Gehegehälfte aufgestellt, wirkte dies auf die Tiere sehr anziehend. Rampen stellten genauso wie Bretter einen optimalen Unterschlupf dar.

Wurden die Kojen komplett neu eingestreut, d.h. mit Hobelspänen und Heu frisch ausgestattet, war dies für die Meerschweinchen sehr attraktiv. Das gleiche galt aber auch dann, wenn man nur die obere, alte Heuschicht gegen eine frische austauschte. Das demonstriert sehr anschaulich, dass frisches Heu die Wahl des Ruheplatzes der Tiere entscheidend beeinflusst. Ein weiterer Beweis dafür war auch der letzte Versuch, der mangels Vergleichsmöglichkeit außer Konkurrenz stattfand. Ein großer Heuhaufen in der Mitte des Geheges war unwiderstehlicher Anziehungspunkt für alle anwesenden Meerschweinchen. Sofort tummelten sich in, um, auf und unter dem Heu sämtliche Versuchstiere und zwar so lange, bis vom Heuberg nichts mehr übrig war.

2.7 Zusammenfassung

Bei abschließender Betrachtung aller Ergebnisse kann festgestellt werden, dass es mit einfachsten Mitteln und nur wenig Aufwand möglich ist, das Wohlergehen der Meerschweinchen deutlich messbar zu steigern.

Überraschenderweise entschieden sich die Tiere von vorne herein für die hellere Hälfte des Geheges. Dies war deswegen erstaunlich, da die Meerschweinchen eigentlich als dämmerungsaktive Höhlenbewohner gelten. Ein Grund dafür scheint mir zu sein, dass sie so bessere Blickkontakte zu ihren Artgenossen aufnehmen und sich bei ungewohnten Bewegungen oder fremden Geräuschen sofort zurückziehen können.

Es konnte auch nie beobachtet werden, dass sich die Tiere auf den Oberseiten der Behausungen aufhielten. Dies deute ich als Zeichen dafür, dass innerhalb des Geheges ausreichend Platz zur Verfügung stand. Außerdem ist nie ein Meerschweinchen aufgefallen, dass versuchte, das Gehege zu verlassen, obwohl dies jederzeit problemlos möglich gewesen wäre.

Ein einfacher Unterschlupf dient als Zufluchtsort, als Versteck oder als Ort der Geborgenheit. Der Sichtkontakt zu den Artgenossen aus dem Versteck heraus bricht niemals ab, dennoch haben die Tiere Ruhe, sie fühlen sich geschützt. Sie können aus ihrem Unterschlupf heraus beobachten, was um sie herum geschieht, befinden sich aber in einer Position der Deckung und können diesen Platz jederzeit in mehrere Richtungen verlassen.

Die Tiere brauchen dennoch Abwechslung, da auch ein gut strukturierter Lebensraum langweilig werden kann. Es sollte regelmäßig etwas verändert werden, damit die Tiere nicht passiv oder träge werden. Es hat sich gezeigt, dass Materialien aus dem Wald wie Wurzeln und Äste die Meerschweinchen dazu veranlassen, sich körperlich zu betätigen. Dazu sind auch Röhren oder Rampen geeignet.

Ebenso spielte Heu bei der Wahl des Ruheplatzes eine zentrale Rolle für die Meerschweinchen. Ein großer Heuhaufen wirkte wie ein Magnet. Wann und wo immer frisches Heu angeboten wurde, war es sofort umlagert. Die Tiere fraßen das Heu oder gruben sich Tunnels und Höhlen hinein, in denen sie sich versteckten, spielten oder zur Ruhe zurückzogen.

Schlussbetrachtung

Einem Zeitungsbericht zufolge wählen immer mehr Schüler der Kollegstufe für ihre Facharbeit Themen aus der Verhaltensforschung [11]. Auch ich habe mich dafür entschieden, weil es mir schon immer Spaß machte, mich mit Tieren zu beschäftigen. Schöne Erfahrungen waren für mich ein vierzehntägiger Aufenthalt in einer englischen Meerschweinchenklinik sowie ein einwöchiges Praktikum im Nürnberger Zoo unter der Leitung des Biologen U. Gansloßer, von dem ich, zusammen mit mehreren anderen Kollegiaten, vieles über die Grundlagen wissenschaftlicher Verhaltensbiologie und die wichtigsten Methoden zum Sammeln und Auswerten der Daten erfahren habe. Außerdem wurde in diesem Praktikum die Beobachtung von Tieren in ihrem momentanen Lebensraum unter ethologischen Gesichtspunkten demonstriert. Es war überraschend zu sehen, wie viele Verhaltensweisen in Tierkollektiven zu erkennen sind, die stellenweise auch eindeutige Parallelen zu menschlichem Sozialverhalten zeigten [3].

Für mich steht nicht erst seit diesen Untersuchungen fest, dass eigene Meerschweinchen wegen ihres angeborenen Sozialverhaltens und ihres ausgeprägten Bewegungsbedürfnisses niemals mehr ohne zwingenden Grund einen Käfig "von innen" sehen werden.

Quellenverzeichnis:

  [1] Beer, Rüdiger: Stress und Life- History weiblicher Hausmeerschweinchen in instabiler sozialer Umwelt, Inaugural-Dissertation
  [2] Drescher, B.: Heimtier in der Kleintiersprechstunde (2): Meerschweinchen; Tagungsunterlagen des VetMedLabor
  [3] Gansloßer, Udo: Säugetierverhalten, Filander Verlag, 1998
  [4] Gansloßer, Udo: Tagungsunterlagen des verhaltensbiologischen Seminars am 26./27.1.2002 Erlangen
  [5] Gurney, P.: The Proper Care of Guinea Pigs, T.F.H. Publications, Inc.
  [6] Hamel, I.: Das Meerschweinchen als Patient, Enke Verlag Stuttgart, 2002
  [7] Kotrschal, Kurt: Grundkurs Verhaltensbiologie, Filander Verlag, 2000
  [8] Morgenegg, Ruth: Artgerechte Haltung - ein Grundrecht auch für Meerschweinchen, KiK- Verlag, 1999
  [9] Sachser, Norbert: Sozialphysiologische Untersuchungen an Hausmeerschweinchen, Verlag Paul Parey, 1994
[10] Tierheim Feucht, Homepage: http://www.tierheim-feucht.de
[11] Tierschutzgesetz: http://www.verbraucherministerium.de/tierschutz/tierschutzgesetz/
[12] Weißenburger Tagblatt, 30.Januar 2003, Seite 11
[13] Wenzel, H.: Artgerechte Ernährung der Meerschweinchen, Kleintiermedizin Nr. 6/2000: S. 280 - 286
[14] Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e. V. (ZZF), Langen, http://www.zzf.de/markt/index.html


© Copyright: Johanna Wenzel, 2. Februar 2003

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